Was sind Zielformationen?
Ein entscheidender Punkt im Endspiel ist der Übergang von der Zug- zur Sprungphase. Wenn Weiß1 durch Wegnahme gewinnen will (anstatt durch Einschließen), dann muss er Schwarz zwangsläufig auf drei Steine reduzieren und ihm damit neue Bewegungsmöglichkeiten einräumen. Wie stellt er sicher, dass er dabei seinen Vorteil behält? Das ist insbesondere im Spiel mit 6 Steinen gegen 4 von Belang. Hier gibt es nur wenige Formationen, die den Sieg durch Wegnahme ermöglichen.
Zielformationen (ZiFo, ZF)
Eine Zielformation ist eine Anordnung weißer Steine, die eine geschlossene Mühle enthält, mit der Weiß zwingend gewinnt, wenn Schwarz nur noch drei Steine hat (und Weiß mehr als drei2) und wenn die Bedingungen erfüllt sind, die vom Stärkegrad3 der Zielformation abhängen.
Ausgangsformation (AuFo, AF)
Eine Ausgangsformation ist eine Anordnung von Steinen, aus der sich ein-zügig eine Zielformation herstellen lässt, in der Regel durch Schließen einer Mühle.

Oben befindet sich die Übersicht aller 6er-Zielformationen4 (Fig. 1). Es gibt von ihnen nur exakt 37, ohne Spiegelungen und Drehungen. Eine von diesen muss Weiß erreicht haben, sobald er Schwarz den vierten Stein genommen hat, ansonsten hat er keinen zwingenden Sieg. Zusätzlich müssen noch Bedingungen erfüllt sein, die vom Stärkegrad der Zielformation abhängen. Zielformationen werden unterteilt in: „Starke“ (4 von 37, auf der Übersicht mit einem großen „S“ markiert), „Schwache“ (27 von 37, ohne weitere Markierung), und „Extra-Schwache“ (6 von 37, auf der Übersicht mit einem kleinen „xs“ markiert). Je stärker, desto weniger Bedingungen müssen erfüllt sein hinsichtlich der Platzierung der schwarzen Steine, und je schwächer, desto mehr5:
Bei den starken Zielformationen müssen die kritischen Punkte6 frei sein (auf den Diagrammen farbig hervorgehoben).
Bei den schwachen Zielformationen müssen alle Bedingungen für die Starken erfüllt sein, und darüber hinaus darf der Gegner auch nicht sofort eine Mühle bilden können.
Bei den extra-schwachen Zielformationen müssen alle Bedingungen für die Starken und Schwachen erfüllt sein, und darüber hinaus darf der Gegner auch nicht sofort einen der kritischen Punkte bei gleichzeitiger Mühledrohung besetzen können.
Abgesehen davon können die schwarzen Steine so stehen wie sie wollen.

Übersicht aller 6er-Zielformationen, am Mittelkreis gespiegelt (Fig. 2), ohne sonstige Spiegelungen und Drehungen. Man beachte, dass Diagramm F5 und F5‘ identisch sind, da beide jeweils ihr eigenes Mittelkreis-Spiegelbild sind. Zusammen mit den Diagrammen aus Fig. 1 handelt es sich um 73 verschiedene Diagramme.
1 „Weiß“ stehe hier stellvertretend für den Angreifer und „Schwarz“ für den Verteidiger.
2 Ich habe mich vorerst dagegen entschieden, 3er-Zielformationen mit in die Definition aufzunehmen, daher der Einschub in der Klammer.
3 Ich orientiere mich bei der Einteilung des Stärkegrades an der aus Dr. Rainer Rosenbergers Mühle-Lehrbuch v1.9, S. 32 ff, mit Abwandlungen. Meine „starke“ Kategorie ist eine Zusammenfassung aus Rosenbergers „Mittelstarker“ und „Starker“, meine „schwache“ Kategorie ist mit der „Schwachen“ von Rosenberger identisch. Neu dazugekommen sind die „extra-schwache“ und die „extra-starke“ Kategorie, wobei die letztere allerdings noch nicht bei den 6er-, sondern erst bei den 7er-Zielformationen vorkommt.
3 7er-Zielformationen werden in einem zukünftigen Beitrag behandelt.
5 Bei den „Extra-Starken“ gibt es keinerlei Bedingungen an die Platzierung der gegnerischen Steine.
6 Man kann sie auch als „Störpunkte“ bezeichnen, eine Bezeichnung die Erol Özdemir favorisiert.
Die kritischen Punkte sind der Manövrierraum, den man braucht, um die in der Formation angelegten Drohungen zu verwirklichen, und die Verwirklichung kann auch an exakt diesen Punkten gestört werden.
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